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Die neue Online-Kunstwelt in der Ära Post-NFT

Als Teil des Angebots unseres digitalen Magazins haben wir Dispatches From the Art World ins Leben gerufen, eine Reihe von Gastbeiträgen, die sich mit den neuesten und faszinierendsten Meinungen und Trends in der Branche befassen. Dieser Essay von Anika Meier, der Kustforum-Kolumnistin, Kunsthistorikerin und Expertin für digitale Kunst und NFTs, konzentriert sich auf die sich verändernde Landschaft der NFT-Kunstszene.

Was ist ein NFT außer einem NFT?

Künstler mussten sich seit Beginn des Hypes um NFTs eine Frage immer wieder anhören: Warum soll man dafür eigentlich Geld bezahlen? Und dann auch noch so viel. 69 Millionen für eine Bilddatei, die man mit einem Klick im Internet herunterladen kann? Immer und immer wieder wurde erklärt, dass NFTs ein digitales Echtheitszertifikat sind. Es können zwar 69 Millionen Menschen eine Bilddatei herunterladen und in den sozialen Medien teilen, aber nur eine Person, wenn es sich denn um ein 1/1 handelt, kann diese Bilddatei besitzen und weiterverkaufen.

Die Aufregung war groß, die Verständnislosigkeit noch größer, denn das sollte jetzt also die große Revolution in der Kunst sein. Und wie genervt auch immer man von den drei Buchstaben NFT sein mag, knapp ein Jahr nach Beginn des Hypes lässt es sich nicht mehr länger übersehen und abstreiten: Es ist eine neue Online-Kunstwelt entstanden, die nicht mehr allzu viel mit der alten Offline-Kunstwelt zu tun hat. Neue Künstler: Beeple, Pak, XCopy, Fewocious, Justin Aversano. Neue Marktplätze: Nifty Gateway, SuperRare, Foundation, Quantum, OpenSea. Neue Magazine: Right Click Save, Outland.

"Crypto Kiosk" kuratiert von Kenny Schachter. Mit Arbeiten von Kevin Abosch, Olive Allen, Sarah Friend, Rhea Myers, Kenny Schachter und Theo Triantafyllidis. Galerie Nagel Draxler. Art Basel, 2021. Foto: Simon Vogel.

"Metaverse" kuratiert von Kenny Schachter. Mit Werken von Kevin Abosch, Olive Allen, Sarah Friend, Osinachi, DotPigeon, Anna Ridler, Kenny Schachter und Theo Triantafyllidis. Stand Galerie Nagel Draxler, Art Basel, Miami Beach 2021. Foto: Dawn Blackman.

Und natürlich wirkt sie ein wenig wunderlich, die neue Online-Kunstwelt, die sich so gar nicht um die alte Offline-Kunstwelt schert. Der Auktionsrekord von Beeple bei Christie’s sollte deutlich machen, dass da etwas in Bewegung ist. Es war ein Knall, der nicht übersehen werden konnte. Und dann freut sich Beeple, alias Mike Winkelmann, jetzt gut ein Jahr nach dem historischen Ereignis auf Twitter, dass es ihm möglich ist, „NFTs durch physische Kunst und Airdrops zusätzlichen Nutzen zu verleihen“ und daraus so etwas wie ein Abo für ein einzelnes Kunstwerk zu machen.

Moment, da war doch was. Die Geschichte ging so: NFTs ermöglichen, dass digitale Kunst endlich genau so verkauft werden kann wie die klassischen Medien Malerei und Skulptur, denn über die Blockchain ist geregelt, wem solch ein NFT gehört. Beeple sagte unter anderem in Interviews: “I do view this as the next chapter of art history. Now there is a way to collect digital art.”

Der Markt explodierte. Monatelang hörte man von Rekordverkäufen: Nyan Cat (590.000 USD), Fewocious (19 Millionen USD), CryptoPunks (23 Millionen USD), Ix Shells (2 Millionen USD), XCopy (7 Millionen USD) usw. usf. Dann der Rückschlag. Im Dezember 2021 hat das Online-Magazin Hyperallergic die Ergebnisse einer Studie zusammengefasst, die sich den NFT-Markt genauer angesehen hat.

Demokratisierung? Revolution? Die Zahlen sagen etwas anderes, der NFT-Markt reproduziert die Dynamiken des Kunstmarkts: 10% Prozent der Sammler:innen sind für so viele Transaktionen verantwortlich wie die restlichen 90%. Der durchschnittliche Verkaufspreis von 75% der NFTs liegt bei nur 15 US Dollar, lediglich 1% der NFTs verkauft sich für mehr als 1594 US Dollar. Im Februar 2022 ist eine weitere Studie erschienen, die sich Netzwerke in der NFT-Szene am Beispiel der NFT-Plattform Foundation angesehen hat. Wer auf Foundation NFTs verkaufen will, braucht eine Einladung von einem Künstler, der schon auf Foundation verkauft hat. Auch diese Studie belegt, dass der NFT-Kunstmarkt ähnlich wie der traditionelle Kunstmarkt funktioniert: Eine große Anzahl von Künstlern bietet Werke an, nur eine kleine Anzahl verkauft tatsächlich, darunter sind besonders die Künstler, die früh auf der Plattform waren. Es geht also wieder um das richtige Netzwerk und darum herauszustechen, sei es mit einer Geschichte oder mit einer Innovation.

NFTs zu besseren Stempelkarten geworden, wie man sie aus dem Supermarkt oder dem Café an der Ecke kenn.

Selbst ein Jeff Koons musste sich gerade etwas einfallen lassen, der vermutlich auch noch selbst den Eindruck hat – wie alle anderen –, dass er etwas spät dran ist mit NFTs. Ai Weiwei hatte bereits im Jahr 2018 gemeinsam mit dem irischen Konzeptkünstler Kevin Abosch eine virtuelle Währung auf den Markt gebracht, um eine Diskussion über den Wert des menschlichen Lebens anzustoßen. Damien Hirst verfolgte mit seinem NFT-Drop „Currency“ im Jahr 2021 ebenfalls das Ziel, die Debatte um Werte voranzutreiben, das allerdings mit Blick auf Kunst. Sammler:innen müssen sich entscheiden, ob sie das NFT behalten wollen oder die physische Version der „Currency“ haben möchten.

Tom Sachs hat aus seinem NFT-Drop eine Rocket Factory gemacht. Die drei Einzelteile der Raketen (Nase, Körper, Schwanz) wurden per Zufall als NFTs verkauft. Wer will, konnte die nicht zusammengehörigen Einzelteile zu einer „Frankenrocket“ zusammenfügen oder drei passende Einzelteile auf dem Secondary Market traden, um zu einer „Perfect Rocket“ zu kommen. Die einzelnen NFTs wurden dann verbrannt und die Rakete als neues NFT gemintet. Und es geht noch weiter: wer möchte, bekommt die passende physische Rakete und einen Start-Termin für die Rakete. Nun ja, da es sich um keine echte Rakete handelt, kann solch ein Start nur missglücken: Die physischen Einzelteile werden dann jedenfalls wieder zusammengesammelt und dem Besitzer samt Videodokumentation zugestellt. Samt der digitalen Rakete ergeben diese drei Komponenten eine Holy Trinity, wie der Webseite zum Projekt zu entnehmen ist. Oder in anderen Worten: “A Singular Transdimensional NFT, and it is yours to keep.“

Da blieb Jeff Koons natürlich nicht mehr viel übrig, er muss tatsächlich auf den Mond mit seiner Kunst und den NFTs, denn alle anderen aufmerksamkeitswirksamen und konzeptuell starken Themen scheinen bereits besetzt zu sein: Seele auf die Blockchain (Rhea Myers), DNA auf die Blockchain (Rachel Rossin), Anteile an der künstlerischen Praxis auf die Blockchain (Jonas Lund). Hat eigentlich überhaupt jemand auf NFTs von Jeff Koons gewartet?

Während also Künstler:innen aus der traditionellen Kunstwelt beim Thema NFTs offenbar unbedingt mitmischen wollen, 69 Millionen US Dollar bei Beeple und 91.8 Millionen US Dollar bei Pak („The Merge“) klingen vermutlich durchaus attraktiv, sind Künstler:innen aus der neuen Online-Kunstwelt bereits in der Post-NFT Ära angekommen. Was bedeutet das?

Skye Nicolas. "ABER WIR KÖNNEN ES PARADIES NENNEN", 2022. NFT. Mit freundlicher Genehmigung von PRISKA PASQUER, Köln.

Pre-NFT

Von den frühen Anfängen der Computerkunst (u.a. Herbert W. Franke, Vera Molnar, Frieder Nake, Manfred Mohr) bis zum NFT-Hype. Wenn man weniger großzügig mit der Zeitrechnung ist: Von den Anfängen der Blockchain bis zur Einführung des Non-Fungible Token Standard Anfang 2018.

NFT

Von der Einführung des Non-Fungible Token Standard Anfang 2018 bis zum Ende des NFT-Hype-Jahres 2021 mit dem NFT-Drop „The Merge“ von Pak auf Nifty Gateway.

Post-NFT

Mit dem Tweet von Beeple Ende März 2022 ist die Beantwortung der Frage nach der Utility eine Selbstverständlichkeit geworden.

Skye Nicolas. "DIESEN RAUM DER LEERE FÜLLEN", 2022. NFT. Mit freundlicher Genehmigung von PRISKA PASQUER, Köln.

Utility meint: Was ist ein NFT außer einem NFT? Eine Eintrittskarte ins Metaverse (Clone X, Fewoworld), ein Mitgliedsausweis für eine Community (Bored Ape) und eine Berechtigung für künftige Mints und Airdrops (u.a. Refik Anadol). Im Grunde sind NFTs zu besseren Stempelkarten geworden, wie man sie aus dem Supermarkt oder dem Café an der Ecke kennt. Und natürlich geht es um mehr als ein ein gratis Brokkoli-Kuscheltier oder ein paar gesparte Euro beim Kauf einer Pfanne.

Post-NFT bedeutet aber vor allem auch, dass NFTs und damit das Interesse an digitaler Kunst zu solch einer Selbstverständlichkeit geworden ist, dass NFTs und digitale Kunst auch im physischen Raum erlebt werden wollen. Das wird dann bisweilen etwas spektakelig: Die NFT-Plattform Aorist hat zur Art Basel Miami Beach einen riesigen Screen von Refik Anadol direkt am Strand aufgestellt. Bright Moments präsentieren drei Wochen lang im April in Berlin im Kraftwerk das Event NFT Art Berlin. Die zahlreichen Namen, die da auf dem Plakat gelistet sind, sagen wohl regelmäßigen Besucher:innen des Gallery Weekends und der Berlin Art Week nichts. Die neue Online-Kunstwelt zeigt sich da, mit immersiven Erlebnissen und Live-Minting, mit CryptoBerlinern und Crypto Artists. Vellum LA und Superchief Gallery NFT stellen gern NFTs auf großen Screens im öffentlichen Raum aus.

Artblocks hat mittlerweile eine Location in Marfa, Texas, ein Haus, in dem generative Kunst gezeigt wird, und Quantum wird bald die erste Location in Los Angeles eröffnen. Nagel Draxler haben in Berlin mit dem Crypto Kiosk einen weiteren Standort der Galerie für NFTs eröffnet und Priska Pasquer zeigt auf der Art Düsseldorf NFTs. Und Beeple, ja, der zeigt unter dem Titel „Uncertain Futures“ eine Ausstellung mit Gemälden und Prints in der Jack Hanley Gallery in New York.

Gerade eben ist der Art Basel und USB Global Art Market Report erschienen, das erste Mal wurden umfassend auch NFTs berücksichtigt. 74% der vermögenden Sammler haben im Jahr 2021 Art NFTs gekauft. Und während fast alle vermögenden Sammler, 88% der Befragten, in Zukunft NFTs kaufen möchten, sind nicht einmal die Hälfte der Galerien daran interessiert, NFTs zu verkaufen. Von den vermögenden Sammlern, die bereits NFTs gekauft haben, nutzen nur 8% eine NFT Plattform, die große Mehrheit vertraute Galerien und Auktionshäusern.

Damit ist auch endlich die Frage beantwortet, wofür man jetzt eigentlich noch Galerien braucht. Für die Präsentation von (digitaler) Kunst auf Messen und in Galerien. Für die Vermittlung und Kontextualisierung des Werkes. Und für den Verkauf von NFTs an traditionelle Kunstsammler.

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