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Birgit Werres verwandelt Industrieobjekte in Kunst

Die Künstlerin findet die Schönheit im Zusammenbruch.

Der allmähliche Zerfall von Gegenständen, die von Menschenhand geschaffen wurden, kann ebenso faszinierend sein wie die von der Gischt des Meeres zermürbten Felsen am Meer. Seit Jahrzehnten richtet die in Stommeln geborene Künstlerin Birgit Werres ihren Blick auf die rostige Patina, die sich auf dem Stahl ablagert, und auf die ausrangierten Kunststoffreste, die ungenutzt in den Fabrikhallen liegen. Hier, inmitten der übrig gebliebenen oder vergessenen Industrieobjekte, die die Welt verschmutzen, hat sie Magie geschaffen. Sie verwandelt Schrott in Kunst, die in ganz Deutschland und darüber hinaus gezeigt wurde.

Lange bevor Recycling und die Wiederverwendung von Materialien nicht nur in der Kunstwelt, sondern in allen Industriezweigen en vogue wurden, hat Werres Objekten, die sie auf ihren Reisen zu Fabriken und Materialdepots in aller Welt fand, neues Leben eingehaucht. Selbst aus den scheinbar banalsten Stücken von Rohren, Ketten, Folien oder Verpackungen hat sie schillernde Werke geschaffen, die vor Farbe und Energie strotzen.

Im April waren am Stand der Galerie Anke Schmidt auf der Art Düsseldorf einige von Werres‘ Skulpturen zu sehen, die die Künstlerin neuen Kunstliebhabern vorstellte und sie bei etablierten Sammlern wieder bekannt machte. In diesem Sommer ist die Künstlerin mit zwei Ausstellungen im Kunstmuseum Bonn und im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen, und wir haben zwei unvergessliche Werke von Werres in unserem Online Shop: „Ohne Titel 36/21“ und „Ohne Titel 7/22“. Wir haben uns mit der Künstlerin unterhalten, um mehr über ihren künstlerischen Prozess, den Einfluss von Recycling auf ihre Arbeit und die Geschichte hinter ihrer ersten Skulptur zu erfahren.

Birgit Werres. "Untitled # 6/21", 2021. Plastic. 37x62 x19cm. Courtesy of Galerie Anke Schmidt.

Ein Großteil Ihrer Arbeit dreht sich darum, wie sich technische Objekte im Laufe der Zeit verändern. Wodurch wurde dieses Interesse geweckt?

Während meines Studiums hat mich bereits die Oberflächentextur und damit verbundene Farbigkeit verschiedenster Materialien interessiert. Dabei spielen die jeweilige Herkunft oder ein Verwendungszweck keine Rolle, sondern das Erscheinungsbild. Dies war und ist bis heute häufig speziell die Veränderung z.B. durch Abnutzung oder Witterungsverhältnisse.

Um 1986 herum bin ich z.B. immer wieder auf das Gelände eines stillgelegten Güterbahnhofs in Duisburg gefahren . Dort gab es eine Vielzahl von Entdeckungen. Dies war der Beginn, solche Orte ausfindig zu machen.

Inwiefern hat die COVID-19-Pandemie Ihre künstlerische Praxis beeinflusst oder verändert?

Ich habe mich auf konzentriertes Arbeiten im Atelier fokussiert. Nutzen, was da ist. Anstatt andere Orte , habe ich mein Materiallager durchforstet und so Einiges mit verändertem Blick wieder entdeckt und verwendet.

Parallel habe ich mich an Materialien erinnert, die ich auf Fachmessen, z.B.für Kunststoffe oder Metall entdeckt habe und versucht, diese im Netz zu finden. Das online shopping war mühsam, aber wider Erwarten auch ein Ort für neue Entdeckungen.

Interessierte Kunstsammler können zwei Ihrer Werke, „Ohne Titel 36/21“ und „Ohne Titel 7/22“, in unserem Online Shop finden. Was ist der Hintergrund dieser beiden Werke? Was hat sie inspiriert und wie sind sie entstanden?

“Untitled # 36/21” ist ein Kunststoffmaterial, das bereits viele, viele Jahre in meinem Atelier lagerte. Mich interessierten die Verformungen und die extreme Farbe. Im Laufe der Jahre habe ich es immer wieder hervorgeholt und verschiedene Handhabungen ausprobiert. Bis ich sie im letzten Jahr sehr spontan durchbohrt und aufgespießt habe. Mich hat dabei die Anbringung an der Wand, das in den Raum reinragen, sofort überzeugt.

“Untitled # 7/22” ist verkupfertes Blech, frisch aus der Produktion. Hier haben mich insbesondere die Einbuchtungen und Ausstülpungen interessiert, die während meines Arbeitsprozesses im Atelier entstanden sind. Durch ein Ab – und wieder Aufwickeln hat sich letztendlich die Form der beiden Rollen ergeben.

Birgit Werres. "Untitled #36/21", 2021. Plastic and metal. 28x28x48cm. Courtesy of Galerie Anke Schmidt.

Birgit Werres. "Untitled #7/22", 2022. Metal. 38x78x38cm. Courtesy of Galerie Anke Schmidt.

Sie haben mit einer breiten Palette von Materialien gearbeitet, darunter Ketten, Rohre, Kunststoff, Verpackungsfolien und vieles mehr. Gibt es Materialien, die Sie mehr bevorzugen als andere? Wenn ja, was ist es, das Sie an diesen Materialien inspiriert?

Nein, es gibt keine bevorzugten Materialien. Es überwiegt die Lust, Neues zu entdecken.

Erinnern Sie sich an die erste Skulptur, die Sie je gemacht haben? Wenn ja, dann erzählen Sie uns mehr davon.

Meine erste Skulptur ist in Zusammenarbeit mit Heinz Breloh entstanden. Er hatte zu Beginn meines Studiums eine Gastprofessur an der Kunstakademie Düsseldorf und stellte einen Raum und Gips für experimentelles Arbeiten zur Verfügung.

Wir Studierende brachten unterschiedliche Materialien dazu, unter anderem größere, grob zersplitterte Hölzer, die ich in Verbindung mit Gips benutzte und aus dem bloßen Tun heraus eine Skulptur entwickelte, die meinem Körpermaß entsprach.

Sie leben und arbeiten in Düsseldorf, einer Stadt, in der der Kunst viel Bedeutung und Respekt entgegengebracht wird. Wie inspiriert die Stadt Ihre Kreativität?

Die Reste des Hafens und der Austausch mit den hier lebenden Künstler*innen inspirieren mich.

Sie wurden in dem Dorf Stommeln geboren. Hatten Sie in Ihrer Kindheit schon einmal mit Kunst zu tun? Was hat Sie dazu bewogen, Künstlerin zu werden?

Nein. Ursprünglich sah ich im Bereich Bühnenbild alle meine Interessen gebündelt. Das Studium an der Kunstakademie und das Entdecken der Bildhauerei hat dann die Richtung verändert.

Birgit Werres. "Untitled #21/21", 2021. Metal. 36x112x50cm. Courtesy of Galerie Anke Schmidt.

Birgit Werres. "Untitled_#3/21", 2021. Plastic lacquer. 56x21x18cm. Courtesy of Galerie Anke Schmidt.

Ihre Arbeiten sind in der neuen Ausstellung des Kunst Museum Bonn, Space For Imaginative Actions, zu sehen. Was sind das für Werke und was hat sie inspiriert?

Das Kunstmuseum zeigt in dieser Neupräsentation seiner Sammlung , ein Werk aus dem Jahr 1999. Es ist ein schwarz weißes Kunststoffmaterial, das ich kreisförmig aufgewickelt habe . 3 Meter im Durchmesser und 30 cm hoch. Es war das erste neu produzierte Material, aus dem ich eine Skulptur entwickelt habe.

Sie waren kürzlich auf dem Stand der Galerie Anke Schmidt auf der Art Düsseldorf zu sehen. Wie kam es zu Ihrer ersten Zusammenarbeit mit der Galerie? Wie hat sich Ihre Beziehung seither entwickelt?

Iris Maczollek und Anke Schmidt haben 2005 die Galerie von meinem bisherigen Galeristen Rolf Ricke übernommen und mit einigen Künstler*innen, wie auch mit mir, weiter gearbeitet. Seit 2014 führt Anke Schmidt die Galerie alleine weiter. Es ist eine äußerst fruchtbare Beziehung entstanden, aus der sich zahlreiche Ausstellungen und Projekte entwickelt haben. Den regelmäßigen Austausch über meine Arbeit im Atelier und andere künstlerische Positionen, sowie gemeinsame Ausstellungsbesuche schätze ich sehr.

Birgit Werres. "Untitled #8/21", 2021. Plastic. 116x50x32cm. Courtesy of Galerie Anke Schmidt.

Birgit Werres. "Untitled #41/21", 2021. Plastic. 230x52x30cm. Courtesy of Galerie Anke Schmidt.

Welchen Einfluss hat der moderne Trend zum Recycling von Materialien auf Ihre Arbeit? Wie war zu Beginn Ihrer Karriere die Einstellung zu Recycling und Umweltschutz?

Auf der einen Seite verschwinden durch die Recyclingprozesse die für mich interessanten Materialien. Sie sind meist nicht mehr sichtbar, da z.B. im Produktionsprozess entstandene Reste meist schon im Betrieb selbst recycelt werden.
Auf der anderen Seite entstehen aber durch die ständige Weiterentwicklung ganz neue Recyclingprodukte, die auch für mich in ihrer Textur oder Farbigkeit interessant sind. Diese Prozesse entwickelten sich Anfang der 90ziger Jahre gerade erst langsam.

Was reizt Sie an Produktionsstätten wie Lagerhäusern und Fabriken?

Materialentdeckungen und der Einblick in Produktions- und Arbeitsprozesse.

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