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Andreas Schmitten erschafft vielschichtige Miniaturwelten

Der Künstler hat seine Liebe zu Modellen in eine blühende Karriere verwandelt.

Als Einzelkind, das in den 1980er Jahren aufwuchs, fühlte sich Schmitten sowohl vom Bau kleiner Modelle als auch von den Wundern des Abteiberg-Museums in Mönchengladbach angezogen, als er durch seine Hallen wanderte und die dortigen Skulpturen betrachtete. Es war diese Kombination von Einflüssen, die ihn schließlich dazu brachte, eine künstlerische Karriere zu verfolgen, die seine Werke ​​in Institutionen im In- und Ausland gebracht hat.

Wenn man Schmittens Arbeiten sieht, wird sofort klar, warum er ein so renommierter Künstler geworden ist. Er ist in der Lage, alles zu schaffen, von düster-komödiantischen Storyboards, die die existenziellen Ängste vor Einschluss und Leere aufgreifen (“First there is a house, then there is no house, then there is,” , 2018), bis hin zu hypersmoothen Skulpturen, die Menschen mit Becken und anderen Objekten verschmelzen (die Ausstellung „SESSHAFT“, 2021). In seinem gesamten Oeuvre gibt es ein spielerisches Element, das selbst die düstersten Themen abschwächt, während er sich mit Themen wie Religion, Geschichte und Menschlichkeit auseinandersetzt. Das Endergebnis bietet die Illusion von Einfachheit in den endgültigen Stücken, die über eine komplizierte Form hinwegtäuscht; ein fast künstlicher Glanz verbirgt den unglaublichen Umfang der Arbeit, die damit verbunden ist, wenn er die Materialien, aus denen seine Skulpturen bestehen, sägt, näht und gießt.

Schmitten, der sowohl von der König Galerie als auch von SCHÖNEWALD vertreten wird, hat sich als unverzichtbarer Künstler in der zeitgenössischen Kunstwelt des Rheinlandes und darüber hinaus etabliert. Am Freitag, den 29. Juli um 18 Uhr CEST, wird er Teil der 72-Stunden-Ausstellung „Chimera Electrified“ der König Galerie sein, die auf Zeichnungen aus dem gleichnamigen Buch basiert. Während er sich auf diese Ausstellung vorbereitet, sprachen wir mit dem Künstler per E-Mail über seine anhaltende Liebe zu Modellen, das Lernen über Kultur und Zeit durch die Bildhauerei und die Lektionen, die er aus den Schriften des französischen Philosophen Gilles Deleuze gelernt hat.

Andreas Schmitten. "Chimera Electrified", 2022. Print and coloured pencil on cardboard
mounted on Canson Paper. 41.6 x 32.2 x 4 cm. Unique, signed, and hand-finished. Courtesy of König Galerie.

Als Kind begannen Sie wie besessen, Modelle zu bauen, und auch Jahrzehnte später sind sie noch Teil Ihrer künstlerischen Praxis. Was reizt Sie daran, diese Miniaturszenen und -räume zu schaffen?

Meine ersten Arbeiten sind Modelle von Räumen, doch war es mir wichtig diese als eigenständige und abgeschlossene Arbeiten zu sehen, es waren keine Reproduktionen von etwas, sondern eine Auseinandersetzung mit der Idee ein Modell zu fertigen und mit Raum als Ausdrucksform.

Mir war es wichtig zu hinterfragen und zu erforschen, woher die Praxis des Modellbaus und von Miniaturen kommt und welche Zugänge dazu es gibt – insbesondere außerhalb eines Kunstkontextes. Meine Affinität zu Modellen und Miniaturen entspricht dem Spiel von Kindern, denn alle Stofftiere, Lego, Playmobil, Bauklötze und Actionfiguren sind immer auch Modelle einer Erwachsenen-Welt. Aber mit ihnen entstehen ganz eigene Räume, die eine Sogwirkung entfalten und in der diese Erwachsenen-Welt für die spielenden Kinder irrelevant wird. Das sehe ich nicht nur bei Kindern, sondern auch in der Modelleisenbahn, in Modellbauhobbys. Bei meiner Großmutter sind es z.B. die Porzellanelefanten.

Daraus resultieren meine Gedanken über die Besonderheiten des Modells. Meine Arbeit ist ein Versuch die Materialien und Vorgehensweisen des Modellbaus auszuloten.Was mich fasziniert, ist die Sogkraft des Modellraums, die so stark wird, dass es keine Rolle mehr spielt, wo und in welchem realen Raum ich mich befinde. Ähnlich einer Filmszene entsteht ein Miniaturraum, doch im Gegensatz zum Film ist dieser Raum real, wenn auch zu klein. Ich sehe Rückzug oder Flucht vor der Realität in der Liebe des Modells, es innewohnt der Traum von einer unterwürfigen und kontrollierbaren Welt.

Für viele Künstler gab es eine Ausstellung oder ein Museum, das sie in ihrer Jugend besuchten und das den Wunsch weckte, Künstler zu werden. Sie haben davon gesprochen, dass Sie als Kind das Museum Abteiberg in Mönchengladbach besucht haben, aber ich bin neugierig, ob es eine bestimmte Ausstellung gab, die Sie gesehen haben und die Sie inspiriert hat?

Nein, es gab keine spezielle Ausstellung, die ausschlaggebend für den Wunsch war künstlerisch zu arbeiten. Vielmehr war es der Ort an sich der Auswirkungen darauf hatte. Vor allem die Architektur von Hans Hollein. In meiner kindlichen Vorstellung was das Museum und die ausgestellten Skulpturen ein Labyrinth mit besonderen Regeln und Objekten. Das hat mich immer wieder in den Abteiberg geführt.

Andreas Schmitten. Installation view of "Sesshaft", 2021. Photo by Roman März. Courtesy of König Galerie.

Andreas Schmitten. Installation view of "Sesshaft", 2021. Photo by Roman März. Courtesy of König Galerie.

In Ihrer Arbeit hinterfragen Sie häufig die funktionalen, alltäglichen Gegenstände, die der Mensch herstellt, und insbesondere die Kultur und den Mythos, die sich um diese Gegenstände herum gebildet haben. Woher kommt diese Faszination für diese scheinbar alltäglichen Gegenstände? Was zieht Sie immer wieder zu ihnen hin?

In der Art wie diese profanen Dinge beschaffen sind, kann man sehr viel über den jetzigen Menschen und all seinen Facetten in Erfahrung bringen. Das ist eigentlich klassische Bildhauerei: An der Form lässt sich viel über Kultur und Zeit ablesen.

Eine Facette der Kunstwelt, die noch in den Kinderschuhen steckt, sind NFTs und das Konzept des „Metaverse“. Fühlen Sie sich als Bildhauer von dieser neuen virtuellen Welt angezogen?

Ich beobachte es, bin aber mit meiner Methode und dem Material, welches ich verwende, bisher nah genug an der Idee, die ich verfolge.

Ihr Werk aus dem Jahr 2018 „Erst gibt es ein Haus, dann gibt es kein Haus, dann gibt es eins“ wirkt unheimlich vorausschauend, da es kurz vor der COVID-19-Pandemie erschien. Die Pandemie schien der Welt zunächst die Möglichkeit der Erneuerung eine Auffrischung zu bieten, aber jetzt scheinen die Dinge wieder normal zu sein (oder schlimmer). Wie hat die Pandemie Ihre Denkweise verändert? Hat sie Ihre künstlerische Praxis in irgendeiner Weise verändert?

Ja definitiv. Für mich war das ähnlich wie die Konfrontation mit einem Krieg oder anderen einschneidenden globalen Ereignissen. Ich konnte nicht mit den Werken, an denen ich zu dem Zeitpunkt arbeitete, weiter machen.

Der Beginn der Pandemie, das war für mich der Anlass eine Antwort auf die Frage zu finden, wie Geschichte konstruiert wird. Wie wird etwas Teil der Kunst- oder Architekturgeschichte? Geschichte ist immer auch etwas gemachtes, alles was nicht konserviert wird, verschwindet, fällt raus, wird nicht Teil der Geschichte. Geschichte fundiert sich auf konstruierte Kausalketten. Durch die Pandemie sind wir Teil eines globalen Ereignisses und können miterleben, wie dieses Ereignis historisiert werden wird. Ich frage mich, wie könnte Geschichte auch anders erzählt werden? Außerdem stellt sich die Frage welche Rolle unsere Körper dabei spielen. Das wird in einer Pandemie, die auf die Körper der Menschen einwirkt besonders deutlich.

Eine meiner Skulpturen von 2018 trägt den Titel „1986“. In diesem Jahr waren wir mit dem Unglück von Tschernobyl konfrontiert. Andere tragen den Titel „fragile Konstruktion“ mit dem Hinweis auf unser Lebensmodell. Das dann Corona kam, hat diese Werke sicherlich verändert und vor allem den Blick auf sie.

Andreas Schmitten. "First there is a house, then there is no house, then there is“, 2018. Photo by Andreas Fechner. Courtesy of König Galerie.

Andreas Schmitten. "1986", 2018. Wood, cardboard, plastic, various materials. Photo by Andreas Fechner. Courtesy of König Galerie.

Die Schriften des französischen Philosophen Gilles Deleuze haben Sie während Ihres Philosophiestudiums fasziniert. Er vertrat die Ansicht, dass die Aufgabe der Kunst darin besteht, „Zeichen“ zu schaffen, die uns aus unseren Wahrnehmungsgewohnheiten herausführen und zum Schaffen anregen. Wie inspiriert das Werk von Deleuze Sie und Ihre Kunst?

Wichtig für mich war die Vorstellung von der Unmöglichkeit mit Sprache das Wichtigste auszudrücken und seine Ohnmacht vor der Kunst, obwohl er so ein großer Denker war. Das hat mich schwer beeindruckt.

Wann sind Sie der König Galerie zum ersten Mal vorgestellt worden? Wie verlief die Zusammenarbeit?

Das war wohl 2015 oder 2016. Wir haben seitdem viele Projekte gemeinsam realisiert und ich schätze das Engagement seitens der Galerie sehr. Vor allem ist es von Glück mit einem gleichaltrigen und dennoch sehr erfahrenen Galeristen arbeiten zu dürfen.

Das Material, aus dem Sie Ihre Werke schaffen, ist oft eine optische Täuschung. Skulpturen, die wie Porzellan aussehen, sind zum Beispiel weiß gespritzte Bronze. Wie gehen Sie bei der Auswahl der Materialien vor, mit denen Sie arbeiten?

Verhüllen und Oberfläche kommen mir immer in den Sinn, wenn ich über eine Skulptur nachdenke, die sich der aktuellen Zeit widmet. Dazu der Anspruch eines beständigen Materials – im Prinzip diktiert die Idee das Material.

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