Zum Inhalt springen

Magazin

Trust the process: Emil Urbanek über die Residency bei der KPM Berlin

Kunst · 7. September 2026

Trust the process: Emil Urbanek über die Residency bei der KPM Berlin

EMIL URBANEK ÜBER DIE ERSTE KPM-RESIDENCY DER ART DÜSSELDORF

7. September 2026

Read in English

Erstmals hat die Stiftung KPM – Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin im Rahmen der Art Düsseldorf eine Artist Residency an eine Position aus der Sektion NEXT vergeben. Eine Jury aus Vertreter*innen der Düsseldorfer und Berliner Kunstszene wählte Emil Urbanek, auf der Messe vertreten durch die Berliner Galerie Weserhalle, für die erste Residency aus.

Emil Urbanek (*2000) lebt und arbeitet in Berlin und studiert seit 2019 an der Universität der Künste Berlin. In der Malerei arbeitet Urbanek mit großen Grafitstücken und reibt sie über der Leinwand durch Siebe zu Pigment aus – bei der KPM traf diese Praxis auf ein Material, das härter, glatter und unberechenbarer ist als jede Leinwand. Zwei Wochen lang hat Urbanek dort mit den Meistermaler*innen der Manufaktur gearbeitet; zur Berlin Art Week ist nun die dort entstandene Kollektion „Never Empty“ im KPM Pavillon zu sehen.

Ein Gespräch über den Duft von Nelkenöl, das Malen auf versiegelten Oberflächen – und darüber, was passiert, wenn man dem Prozess vertraut.

Du malst, auf der Art Düsseldorf 2026 warst du mit der Galerie Weserhalle vertreten und wurdest für eine Residency bei der KPM Berlin ausgewählt. Was hat dich gereizt, dich auf Porzellan und die Arbeit der KPM einzulassen?

Ich fand die Herausforderung spannend, mich aus meiner künstlerischen Praxis heraus auf ein neues Material einzulassen. Seine Beschaffenheit und Oberfläche unterscheiden sich stark von denen einer Leinwand. Besonders die Vorstellung, einen Einblick in eine so professionalisierte, vielseitige Manufaktur bekommen zu können, hat mich gereizt.

Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026
Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026

Wie war dein erster Tag in der Manufaktur, und was hat dich an diesem Ort überrascht?

An meinem ersten Tag wurden mir viele Teile der Manufaktur gezeigt. Zunächst das KPM-Archiv, die großen Produktionshallen sowie einzelne Fertigungswerkstätten wie die Siebdruckwerkstatt. Ich hatte danach das Gefühl: „Das ist ja ein bisschen die Willy Wonka für Porzellan.“ Im oberen Stockwerk befinden sich mehrere Malerei-Ateliers, dort duftet es immer nach Nelkenöl – der Geruch hat mich die ganze Zeit begleitet.

Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026
Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026

Du hast zwei Wochen mit den Meistermaler*innen der KPM gearbeitet – was hast du von ihnen gelernt, und gab es einen Handgriff oder Prozess, der dich besonders beeindruckt hat?

In meiner Zeit bei KPM habe ich so vieles gelernt. Besonders eindrücklich ist mir dabei aufgefallen, wie achtsam und vorausschauend man sich durch die Gänge und Türen bewegen sollte. Denn es kann immer sein, dass dir jemand mit einem Tablett frisch bemalter Porzellanstücke entgegenkommt. Annett, eine Porzellanmalerin, die mich in den zwei Wochen begleitet hat, kann meisterhaft Farbe aufspachteln, woran ich im Vergleich kläglich gescheitert bin.

Was unterscheidet das Malen auf Porzellan am stärksten von der Leinwand – und wie hast du darauf reagiert?

Ein Hauptbestandteil meiner malerischen Praxis ist die Arbeit mit großen Grafitstücken, welche ich über der Leinwand durch Siebe zu Pigment ausreibe. Wir haben einige Experimente gestartet, um diese Technik auf Porzellan zu übersetzen, haben loses Pigment gebrannt oder mit Terpentinöl zu pastosen Würstchen aufgespachtelt, in der Hoffnung, eine feste Masse zu erhalten, die man wieder durch ein Sieb ausreiben kann. Die Oberfläche von weiß glasiertem Porzellan war hart und versiegelt, wohingegen Leinwandstoff weich, beige und sehr saugfähig ist. Darüber hinaus hat die Innenseite einer Schüssel eine konkave Form, was sich besonders auf die Arbeit mit losem Pigment auswirkt. Nach einiger Zeit in der Manufaktur habe ich mich entschlossen, mit Airbrush zu arbeiten, da ich die Technik sehr interessant fand und sie eine gewisse Ähnlichkeit zur visuellen Sprache meiner Malerei bot.

Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026
Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026

Der Brand verändert die Farben, das Ergebnis zeigt sich erst nach dem Ofen. Wie bist du mit dieser Unberechenbarkeit umgegangen?

Zunächst musste ich die Veränderung der Farbe durch den Brand erst einmal kennenlernen, nach einer Weile bekam diese Veränderung eine gewisse Berechenbarkeit. In der Zwischenzeit habe ich mir immer gesagt: „Trust the process.“

Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026
Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026

Wie gehst du normalerweise an ein Bild heran – hast du eine feste Arbeitsweise, oder entscheidet sich vieles erst beim Malen?

Das unterscheidet sich bei jeder Malerei. Manchmal habe ich eine bestimmte Vorstellung, die ich versuche darzustellen, wenn sie wichtig für eine Erzählung ist und sich über mehrere Bilder streckt. Manchmal lasse ich das Material arbeiten und schaue, was es mir erzählt. Die Arbeit mit Grafitpigmenten ist sehr spannend, da es während des Fallens auf leichte Luftbewegungen und beim Aufkommen auf der Leinwand auf Feuchtigkeit reagiert. Dadurch habe ich nur zu einem bestimmten Grad überhaupt Kontrolle.

Hat die Begegnung mit diesem Handwerk etwas an deiner eigenen Arbeitsweise oder deinem Denken verändert?

Die Zeit bei KPM hat unter anderem mein Interesse für das Arbeiten mit Airbrush geweckt. Einige der Charakteristika dieser Technik haben mich bereits lange vorher in meiner malerischen Praxis interessiert: das Zusammenspiel aus weichen Flächen und scharfen Kanten, die Körnung einer Oberfläche, das stufenlose Auftauchen und Verschwinden einer Spur.

Was wirst du im September während der Berlin Art Week zeigen?

Im September wird meine Kollektion „Never Empty“ im KPM Pavillon zu sehen sein. Die Kollektion setzt sich zusammen aus verschieden großen Schalen und Tassen. Sie holt Überlegungen meiner Malerei aus dem malerischen Raum heraus in einen physischen, und es entfaltet sich etwas, das in Beziehung zu unseren alltäglichen Handgriffen tritt. Die Innenseite der Schale wird zum Beispiel zu einem gekrümmten Spielfeld, auf dem sich die Vorstellung einer Frucht und eine tatsächliche Frucht aneinanderlehnen.

Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026
Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026

Was hast du dir für den Rest des Jahres vorgenommen – und was nimmst du aus der Residency bei der KPM mit?

Momentan arbeite ich an einer Gruppe Malereien, die im Oktober im Rahmen einer Einzelausstellung bei der Galerie ThisWeekendRoom in Seoul, Korea, zu sehen sein werden. Im November nehme ich an der Gruppenausstellung „Navigating Angst“, kuratiert von Anne Zühlke und Robert Punkenhofer, als Teil der Vienna Art Week teil. Die Zeit bei der KPM hat mir gezeigt, wie inspirierend es sein kann, sich in komplett neue Arbeitsprozesse einzudenken, auf neuen Materialien zu arbeiten und dabei ähnliche Fragestellungen zu behalten.

Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026
Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026

Aufmacherbild: Emil Urbanek at KPM Berlin Residency, © KPM Berlin / Juan C. Bautista 2026

Zum Magazin