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Jede Arbeit macht etwas mit mir: Christoph Hertz über Kunst als Gegengewicht

Sammeln · 21. Oktober 2026

Jede Arbeit macht etwas mit mir: Christoph Hertz über Kunst als Gegengewicht

21. Oktober 2026

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Was bewegt Menschen dazu, Kunst zu sammeln? Und welche Wege führen sie dorthin?

In unserer Reihe „Sammler*innen im Gespräch“ geben Kunstsammler*innen Einblicke in die persönlichen Geschichten hinter ihren Sammlungen. Was hat ihr Interesse an Kunst geweckt? Welche Werke begleiten sie über Jahre hinweg? Und wie prägen Künstler*innen, gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebenswege den Blick auf Kunst und das Sammeln?

In dieser Ausgabe sprechen wir mit Christoph Hertz. Vor 23 Jahren begann er mit einem Schulfreund, Projektoren über eBay zu verkaufen. Daraus wurde visunext, ein Anbieter von Medientechnik und Raumausstattung, der europaweit liefert. In den Fluren und Büros des Unternehmens hängt heute seine private Sammlung – inzwischen über 200 Werke internationaler Gegenwartskunst, von Malerei über Fotografie und Skulptur bis zu konzeptuellen Positionen, ergänzt um kunsthistorische Arbeiten aus dem Umfeld der ZERO-Bewegung. Walter Gehlen hat ihn dort besucht.

Wir sitzen in Ihren Geschäftsräumen, umgeben von Ihrer Sammlung. Ist das ein persönlicher Luxus oder eine Geste an Ihr Team?

In erster Linie ist es privat. Die Kunst hat nichts mit der Firma zu tun, wir sind zwei Gesellschafter, und ich bin froh, dass mein Partner mich das Büro bespielen lässt. Ich möchte mit Kunst leben, und dazu gehört der Ort, an dem ich meinen Tag verbringe. Jede Arbeit macht etwas mit mir. Trotzdem merke ich, dass viele im Team das schätzen. Die Einstiegsbarriere zur Kunst ist ja nach wie vor da, und hier findet man einen Zugang. Und wir statten Räume aus: Der Mensch prägt den Raum, dann prägt der Raum den Menschen. Kunst prägt ihn signifikant mit.

Grace Weaver, „Untitled (Portrait of a Girl)“, 2023, Wasserfarbe auf Papier; Nicole Wermers, „Proposal for a Monument to a Reclining Female“, 2025, verstärkter und luftgetrockneter Ton, Marmorplatten, Wasserkisten © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann
Grace Weaver, „Untitled (Portrait of a Girl)“, 2023, Wasserfarbe auf Papier; Nicole Wermers, „Proposal for a Monument to a Reclining Female“, 2025, verstärkter und luftgetrockneter Ton, Marmorplatten, Wasserkisten © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann

Wie hat es angefangen?

Im Kinderzimmer. Das war die Zeit, als eBay kam, und ich habe mir Leinwände von eBay-Künstlern zur Dekoration gekauft. Meine Geschwister sind elf und vierzehn Jahre älter, bei uns zu Hause war alles eine Generation versetzt. Ich glaube, ich wollte etwas herstellen, was es bei uns nicht gab. Design hat mich immer interessiert, mein Schulpraktikum habe ich bei Bang & Olufsen gemacht. Mit den ersten finanziellen Möglichkeiten bin ich dann über echte Kunst gestolpert: 2005, mit 21, habe ich einen Prägedruck von Günther Uecker gekauft. Das war der Beginn.

Gibt es eine Verbindung zwischen Ihrer Arbeit als Unternehmer und der Kunst?

Ja und nein. Mein Markt, vor allem Elektronik, ist extrem transparent. Jedes Produkt hat einen EAN-Code, in Preissuchmaschinen ist alles vergleichbar. Und die Produkte sind vergänglich: In fünf Jahren ist vieles überholt. Was ich mache, ist also transparent und vergänglich. Der Kunstmarkt ist das Gegenteil: intransparent und unvergänglich. Das hat mich mit Anfang 20 sehr angezogen, und es ist bis heute ein schöner Ausgleich.

Gerade diese Intransparenz schreckt viele ab. Zwei Bilder, ähnliche Größe, und der Preis unterscheidet sich um ein Vielfaches. Welche Rolle spielt der Preis für Sie?

Ich verstehe, dass das abhält. Ein Faktor 10 oder 50 zwischen zwei ähnlichen Werken ist erst einmal nicht greifbar. Aber das zu dechiffrieren, finde ich spannend. Es ist wie in der Musik: Ein Straßenmusiker kann für jemanden dieselbe Bedeutung haben wie ein kommerziell erfolgreicher Künstler. Was man ausgibt, hängt von der eigenen Haltung ab. Ob man ein Prozent seiner Möglichkeiten einsetzt oder fünfzig, macht einen Unterschied. Mit Kunst Geld zu verdienen, halte ich für relativ theoretisch. Statistisch ist es unwahrscheinlich, dass eine Arbeit später über dem Galeriepreis verkauft wird. Natürlich bestätigt es einen, wenn man früh etwas gesehen hat, das der Markt später erkennt. Aber das ist nur eine Facette.

Was passiert in dem Moment, in dem Sie vor einer Arbeit stehen?

Auf einer Messe sehe ich tausend Arbeiten und frage nicht bei jeder, was sich der Künstler gedacht hat. Zuerst muss mich etwas visuell ansprechen. Oft beobachte ich jemanden über Jahre und merke: Da zieht sich eine rote Linie durch. Oder es ist etwas massiv Neues, das mich überrascht. Manche Arbeiten erschließen sich sofort, etwa der Spiegel von Jeppe Hein: Wenn du die Welt nicht ändern kannst, ändere dich selbst. Er hing immer vor meinem Büro. Das ist provokant und einfach: Es ist deins, entscheide. Andere Arbeiten haben Schichten, die man erst erkennen muss.

Jeppe Hein, „IF YOU CAN'T CHANGE THE WORLD CHANGE YOURSELF“, 2016, pulverbeschichtetes Aluminium, Neonröhre, Zweiwegspiegel, pulverbeschichteter Stahl, Transformatoren © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann
Jeppe Hein, „IF YOU CAN'T CHANGE THE WORLD CHANGE YOURSELF“, 2016, pulverbeschichtetes Aluminium, Neonröhre, Zweiwegspiegel, pulverbeschichteter Stahl, Transformatoren © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann

Waren Sie schon einmal unvernünftig?

Öfter, auf jeden Fall. Leidenschaft hat ja auch mit Leiden zu tun. Bereuen tue ich aber nichts. Ich habe jede Entscheidung mit dem Wissen und den Möglichkeiten getroffen, die ich damals hatte. Bei einigen Künstlern hätte ich früher konsequenter kaufen können. Aber das ist weit weg von Vorwürfen.

Wann wurde aus dem Kunstkäufer ein Sammler?

Der erste Punkt ist, wenn man keine Wände mehr hat und anfängt einzulagern. Der zweite, als mir klar wurde: Kunst will gesehen werden. Für Künstler ist das wichtig. Darf man in diesem Umfang für sich allein horten? Oder ist es verantwortungsvoller, zu teilen, weil Kunst im besten Fall nicht nur mir etwas gibt? Im letzten Jahr habe ich eine Website für die Sammlung fertiggestellt. Vorher war alles in Excel. Das war zunächst ein Archivprojekt, aber zum ersten Mal sah ich die Arbeiten versammelt und habe mich gefragt: Gibt es Bezüge? Wie ist das passiert? Ich leihe auch regelmäßig aus. Brigitte Waldachs Zyklus „History Now“ hängt sonst bei uns im Treppenhaus, gerade ist er im Museum Schloss Moyland zu sehen. Diese Verpflichtung gegenüber den Künstlern finde ich wichtig.

Brigitte Waldach, „Franz Kafka“ aus der Serie „History Now“, 2016, Gouache, Graphit, Pigmentstift auf Bütten © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann
Brigitte Waldach, „Franz Kafka“ aus der Serie „History Now“, 2016, Gouache, Graphit, Pigmentstift auf Bütten © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann

Wo kaufen Sie?

Vor allem über Messen: Basel, Cologne, wahrscheinlich bald Paris. Und nächstes Jahr ist Düsseldorf Pflicht. Ich mag das Setting im Areal Böhler, die Kontraste, die Immobilie. Das ist ein schönerer Rahmen als ein rechteckiger Messehallenkasten. Über Messen entstehen Kontakte zu Galerien, die einen auf dem Laufenden halten. Tatsächlich habe ich mehr über PDFs gekauft als direkt am Stand. Wenn man weiß, wie ein Künstler arbeitet, kann man sich die Arbeit vorstellen. Und ich verfolge den Auktionsmarkt, um Arbeiten nachzukaufen, die ich verpasst habe.

Was macht gute Galeriearbeit aus?

Für mich ist eine Galerie ein Ausstellungsbetrieb auf dem Primärmarkt, kein Kunsthandel. Eine gute Galerie pflegt Beziehungen zu Sammlern, Kuratoren, Institutionen und bringt Künstler dosiert in den Markt, ohne Heißlaufen. Sie hat Leute, die das kunsthistorisch begleiten, und dokumentiert sorgfältig. Interessanterweise sind die Arbeiten, von denen ich kein Fotomaterial habe, manchmal genau die, die ich heute nicht mehr kaufen würde. Früher fand ich die Idee reizvoll, selbst eine Galerie zu machen. Seit ich mit guten Galerien arbeite, weiß ich, wie aufwendig das ist.

Sie arbeiten täglich mit Bildschirmen. Gibt es digitale Kunst in Ihrer Sammlung?

Nein. Ich schaue den ganzen Tag auf Displays und will das nicht steigern. Wir unterstützen Galerien und Museen mit LED-Walls, wenn sie Videokunst zeigen, aber ich würde keine kaufen. Einmal haben wir es versucht. Auf der Messe gab es schon einen Handschlag, dann scheiterte es an den Reproduktionsrechten: Wie darf das Werk in 30 oder 40 Jahren gezeigt werden, wenn es die Technik nicht mehr gibt? Ich bin nah genug an der Technik, um zu wissen, was da passieren kann. Ich glaube, mit KI wird das, was Menschen geschaffen haben, wichtiger, ähnlich wie Schallplatten oder Polaroids als Gegentrend. Es ist dasselbe Gegengewicht, das ich zur Elektronik suche.

Welche Arbeit auf dieser Etage ist heute Ihre liebste?

Ich schwanke zwischen Thomas Ruff und der kleinen Skulptur von Nicole Wermers. Bei Ruff sieht man zuerst Idylle: Berge, Natur, ein Blick in die Ferne. Der Ursprung ist aber chinesische Propagandafotografie, die Ruff digital überarbeitet hat. Diese entspannte Situation trifft auf enorme Sprengkraft. Die Arbeit hängt ganz beiläufig in einem Büro und schaut ins Grüne. Auch wenn sich die Dinge komfortabel anfühlen, gibt es im Wirtschaftsleben immer eine Ebene, die nicht sofort sichtbar ist.

Thomas Ruff, „tableau chinois_17“, 2020, chromogener Abzug mit Diasec © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann
Thomas Ruff, „tableau chinois_17“, 2020, chromogener Abzug mit Diasec © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann

Zum Schluss: Welche drei Tipps geben Sie jungen Sammlerinnen und Sammlern, die gerade beginnen?

Erstens: dem eigenen Blick trauen. Man sollte sich nicht zu stark von Meinungen leiten lassen, die auf einen einprasseln. Entscheidend ist, was einem selbst Energie gibt und womit man leben möchte, nicht, dass es einem jemand empfohlen hat.

Zweitens: viel fragen, bevor man kauft. Mit vielen Galerien sprechen, Preise einholen, nachsehen, was ein Künstler bisher gemacht hat und wo er gerade steht. So lernt man, Preise einzuordnen.

Drittens: nicht auf Rendite setzen. Die finanzielle Motivation sollte nicht der Träger sein, wer Geld verdienen will, ist am Aktienmarkt besser aufgehoben. Wichtig ist, dass man sich mit dem Preis wohlfühlt und nicht zu viel verbrennt.

Die Sammlung erleben

Sammlung HertzLeihanfragen und Besuche: Greta Merz, info@sammlung-hertz.desammlung-hertz.de ↗

Aufmacherbild: Karl Haendel, „How Do I Sell More Art“, 2018, Bleistift auf Papier © Sammlung Hertz, Foto: Jan Wesselmann

Porträt Christoph Hertz (Beitragsbild, neben einer Arbeit von Conny Maier, „Zorn 14 oder ein Feuer auswerfen“, 2025): Foto: Paul Popanda

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