
Kunst · 3. April 2025
“Wir müssen uns für die Freiheit der Kunst einsetzen” – Prof Dr Susanne Gaensheimer im Gespräch
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Im K20 wird aktuell eine monografische Ausstellung von Marc Chagall in Kooperation mit der Albertina in Wien gezeigt. Welchen Fokus setzt diese Ausstellung auf Chagalls Lebenswerke?
Die Ausstellung zeigt rund 120 Werke aus allen Schaffensphasen Chagalls. Ein Schwerpunkt liegt auf den frühen Arbeiten, die zwischen 1910 und 1923 entstanden sind und die gesellschaftskritische und bisweilen dunkle Seite seines Werks vorstellen. Diese Ausstellung ist in ihrem Umfang epochal, weil wir hier in Düsseldorf die bedeutendsten Schlüsselwerke Chagalls durch internationale Leihgaben etwa vom MoMA, der Tate und dem Centre Pompidou zeigen können.Wie kam es zu dieser Kooperation und dem Entscheidungsprozess Marc Chagall auszustellen?
Ausgangspunkt und Anlass der Ausstellung sind drei Gemälde von Marc Chagall, die vor dem Ersten Weltkrieg in Paris entstanden sind und sich im Besitz der Kunstsammlung befinden. Es handelt sich um die Arbeiten Selbstbildnis, 1909, Der Geigenspieler, 1911-1914, und Rabbiner mit Zitrone (Festtag), 1914; alle drei Gemälde dürfen zu den frühen Hauptwerken des Künstlers gezählt werden. Die Albertina kam auf uns zu, weil sie die Werke für ihre Chagall Ausstellung in Wien leihen wollte. So kam es zur Idee für eine gemeinsame Ausstellung.
Parallel ist bis zum 31.8.2025 im K21 die Ausstellung Bracha Lichtenberg Ettinger (BRACHA) zu sehen. Als erste deutsche Institution, die einen Überblick über BRACHAs Kunstwerke gibt: warum sind Ihre Werke besonders bedeutend? Wie spiegeln ihre Arbeiten den heutigen gesellschaftlichen Diskurs wider?
Die Ausstellung hat für uns eine besondere Bedeutung, weil sie erstmals das Werk der in Tel Aviv geborenen Malerin, Psychoanalytikerin, Philosophin und Friedensaktivistin in Deutschland vorstellt. In ihren Ölgemälden verbindet BRACHA Psychoanalyse und Malerei, ein feministisches Neudenken von Identität und Geschlechterverhältnissen, radikale Verletzlichkeit und die Hoffnung auf eine friedlichen Umgang mit Konflikten und vererbten Traumata.
Ab dem 10. Mai eröffnet die Julie Mehretu Ausstellung im K21. Julie Mehretu bezieht sich in ihrer Kunst oft auf politische Konflikte und soziale Umbrüche. Wie gelingt es ihr, diese komplexen Themen in abstrakte Bildwelten zu übersetzen? Und was macht die physische Präsenz ihrer Werke im Ausstellungsraum so besonders?
Julie Mehretu ist mittlerweile ja ein Superstar in der zeitgenössischen Kunst. Im letzten Jahr hat sie mit großem Erfolg das BMW Art Car gestaltet. Die Ausstellung im K21 wird die Entwicklung ihres Werks von den Anfängen bis heute darstellen. Geprägt von ihrer eigenen Migrationserfahrung, setzte sich Mehretu von Anfang an in ihrer Kunst mit den Umbrüchen und Widersprüchen der Geschichte auseinander. Als Schwarze queere Malerin in einer sich rasant wandelnden, zunehmend globalisierten Welt geht es ihr in ihren Bildern stets darum, ihre eigene Position in Raum, Zeit und politischem Kontext zu reflektieren. Das wird in ihren großformatigen Malereien, die zum Teil multiperspektivisch im Raum hängen werden, sehr deutlich.
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen hat vor kurzem eine große Skulptur von Louise Bourgeois erworben. Was können wir über diese neu erworbene Skulptur erfahren? Wie wird die Skulptur in die bestehende Sammlung integriert?
Ich bin 2017 als Direktorin der Kunstsammlung angetreten mit der Vision die Sammlung der Moderne weiterzudenken und durch gezielte Erwerbungen Lücken zu schließen. Dazu gehört vor allem, den Anteil von Werken bedeutender Künstlerinnen der Moderne in der Sammlung zu erhöhen. Louise Bourgeois zählt zu den prägendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, deren Installationen, Skulpturen und Textilarbeiten die moderne Kunst maßgeblich beeinflussten. Dass wir jetzt eines ihrer bedeutendsten Werke, die frühe Marmorskulptur Baroque (1970), für das Museum erwerben konnten, ist für mich eines der Highlights meiner Arbeit mit der Sammlung in den letzten Jahren.
Vor welchen Herausforderungen stellt die aktuelle politische Landschaft Kulturtinstitutionen?
Politisch und wirtschaftlich befindet sich Deutschland in einer Umbruchphase, das wirkt sich auch einschneidend auf die Kulturinstitute aus. Auch die Unsicherheiten und Spannungen in vielen Teilen der Welt wirken sich auf unsere Arbeit aus. Klar ist: Wir müssen die Kultur jetzt schützen und uns mit voller Überzeugung für die Freiheit der Kunst einsetzen.