
Sammeln · 4. September 2026
Sammeln heißt begleiten: Johanna und Friedrich Gräfling über Salon Kennedy und die Tiefe ihrer Sammlung
JOHANNA UND FRIEDRICH GRÄFLING ÜBER DAS SAMMELN AUS DER TIEFE
Read in EnglishWas bewegt Menschen dazu, Kunst zu sammeln? Und welche Wege führen sie dorthin?
In unserer Reihe „Sammler*innen im Gespräch“ geben Kunstsammler*innen Einblicke in die persönlichen Geschichten hinter ihren Sammlungen. Was hat ihr Interesse an Kunst geweckt? Welche Werke begleiten sie über Jahre hinweg? Und wie prägen Künstler*innen, gesellschaftliche Entwicklungen und individuelle Lebenswege den Blick auf Kunst und das Sammeln?
In dieser Ausgabe sprechen wir mit Johanna und Friedrich Gräfling. Das Sammlerpaar bewegt sich zwischen Sammeln, Produzieren und Ermöglichen: Mit dem Salon Kennedy in Frankfurt und dem Kunstverein Wiesen haben die beiden Orte geschaffen, an denen Kunst, Gespräch und Zusammenarbeit ineinandergreifen. Ihre Sammlung wächst nicht über den Kauf einzelner Werke, sondern aus langjährigen Beziehungen zu Künstler*innen.
Wie sind Sie zum Sammeln und zum gemeinsamen Sammeln gekommen – was war der Auslöser?
Friedrich kam schon als Teenager durch die Street-Art selbst zur Kunst. Dabei wuchs das Verlangen, Momente und Zeit einzufangen und festzuhalten – und für ihn war der logische Weg, dies in Form eines Kunstwerks zu tun, das genau diese Zeit widerspiegelt. So kam er zu seinem ersten Werk, das er einem befreundeten Street- oder Graffiti-Künstler abkaufte – und damit im Grunde den Grundstein für seine Sammelleidenschaft legte.
Über das Architekturstudium in London kam er dann mehr und mehr in Kontakt mit der dortigen Kunstszene – mit Galerien, Offspaces und immer wieder auch mit Künstlerstudios. Gerade der direkte Austausch mit den Künstlern faszinierte ihn besonders, und so begann er, sie zu kontaktieren, ob er bei ihnen mitarbeiten oder etwas für sie organisieren könne, weil er sich die Arbeiten nicht leisten konnte. So half er zunächst in Studios, organisierte später Ausstellungen und Transporte und entwarf schließlich auch Räume für Künstler.
Nach und nach kamen erste Arbeiten in die Sammlung. Bald begannen wir, gemeinsam Künstler einzuladen, in unserer Wohnung auszustellen, Abendessen zu organisieren und Menschen durch die Kunst zusammenzubringen – wodurch sich die Sammlung organisch weiterentwickelte und das Fundament für den heutigen Salon Kennedy entstand.
Sie agieren nicht nur als klassische Sammler, sondern in einer Rolle zwischen Sammeln, Produzieren und Ermöglichen. Wie würden Sie unseren Leserinnen und Lesern beschreiben, was Sie tun?
Wir verstehen uns nicht in erster Linie als Käufer einzelner Werke, sondern versuchen, eine Beziehung zu einer künstlerischen Position als Ganzes aufzubauen. Uns interessiert weniger das isolierte Objekt als das Werk im Zusammenhang – also das Denken, die Entwicklung, die Fragen einer Praxis – das Forschen.

Wie wählen Sie aus, welches Werk Teil der Sammlung wird? Wie stimmen Sie sich da ab – gibt es so etwas wie ein Vetorecht?
Es ist immer eine gemeinsame Entscheidung, oft mit langen Diskussionen. Uns geht es nie um das einzelne Werk, sondern um das Werk des Künstlers – um das gesamte Œuvre. Wir beobachten Positionen oft über viele Jahre, lesen Interviews, besuchen möglichst viele Ausstellungen und versuchen, eine künstlerische Praxis wirklich zu verstehen, bevor wir etwas erwerben. Sobald ein Werk Teil der Sammlung wird, entsteht eine Verbindung, die uns verpflichtet, in die Tiefe zu gehen. Von manchen Künstlern besitzen wir Arbeiten aus nahezu jedem Jahr, weil uns die Entwicklung innerhalb des Werkes interessiert.
Gibt es Gründe, aus denen Sie sich bewusst gegen ein Werk entscheiden – obwohl Sie die künstlerische Position schätzen?
Natürlich gibt es immer gewisse Parameter – der Preis spielt eine Rolle, ebenso praktische Fragen wie Komplexität oder Logistik.
Mit der Zeit verschiebt sich der Blick jedoch. Seit die Sammlung die eigenen vier Wände verlassen hat, ist man deutlich freier geworden. Frühere Grenzen wie Größe, Rauminstallation oder Medien sind heute weniger entscheidend.
Am Ende bleibt jedoch immer eine Entscheidung innerhalb des Werkzusammenhangs eines Künstlers. Man kann nicht alles sammeln. Deshalb versuchen wir Arbeiten auszuwählen, die innerhalb der Entwicklung eines Werkes besonders relevant sind.
Was würden Sie sagen, ist die unverwechselbare Handschrift Ihrer Sammlung – in einem Satz?
Unsere Sammlung lebt aus der Tiefe – aus dem langfristigen Begleiten und Verstehen von Künstlerpositionen und der persönlichen Beziehung zum Werk und seiner Praxis.
Welche Rolle spielt Kunst in Ihrem Alltag – und wie verändert sie Ihren Blick auf den eigenen Lebensraum?
Kunst ist für uns kein Zusatz, sondern Teil unseres Lebens. Wir haben nicht das Gefühl, zwischen Kunst und Alltag unterscheiden zu müssen. Sie prägt unsere Räume, unseren Blick, unsere Gespräche – und ist immer da, egal ob beim Arbeiten, beim Spielen mit den Kindern oder beim Abendessen.
Wie verändert sich ein Werk, wenn es dauerhaft Teil eines Lebensraums wird? Und wo liegt für Sie der Unterschied zwischen Integration und Inszenierung?
Ein Werk, das dauerhaft Teil eines Lebensraums wird, verliert eine gewisse museale Distanz. Es wird Teil des Alltags – auch mit unseren Kindern – und begleitet Routinen und Gespräche.
Integration bedeutet für uns, dass ein Werk selbstverständlich präsent ist, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren. Inszenierung im Sinne eines Setdesigns gibt es bei uns eigentlich nicht.

Was ist Ihnen bei der Begegnung mit Künstler*innen wichtig? Spielen Atelierbesuche oder persönliche Kontakte eine große Rolle?
Absolut. Die Begegnung mit Künstler*innen ist der Anfang von allem. Atelierbesuche sind für uns kein Ritual, sondern eine Form des Verstehens. Durch den direkten Austausch entstehen Vertrauen, Ideen und manchmal auch gemeinsame Produktionen. Viele Werke in unserer Sammlung sind Resultate dieser intensiven Zusammenarbeit.
Wann entsteht für Sie der Impuls, nicht nur anzukaufen, sondern eine Produktion aktiv zu unterstützen?
Das ist selten eine bewusste Entscheidung.
Es entsteht eher aus dem kontinuierlichen Dialog mit Künstlern, die wir über längere Zeit begleiten. In diesem Austausch ergeben sich ganz selbstverständlich Situationen, in denen eine Produktion entsteht – etwa im Rahmen einer Ausstellung, eines Projekts oder einer Idee, die sich im Gespräch entwickelt.
Produktion ist für uns daher meist eine Erweiterung der Zusammenarbeit.
Was können Sie mit Ihrer Arbeit für die Kunst leisten, was klassische Sammler, Galerien oder Institutionen strukturell nicht leisten können?
Man muss hier zwischen verschiedenen Ebenen unterscheiden: der Sammlung, dem Salon und unseren weiteren Projekten, etwa im Kunstverein.
Als Sammler können wir oft früher reagieren als Institutionen und Künstler bereits in einer Phase begleiten, in der größere Häuser noch nicht aktiv werden. Das geschieht natürlich auf einem anderen Maßstab, aber mit einem ähnlichen Anspruch an langfristige Begleitung.

Sie sind an verschiedenen Standorten unterwegs. Welche Rolle spielen Raum und Architektur für Ihre Sammlung?
In Frankfurt haben wir mit dem Salon Kennedy einen Ort geschaffen, an dem Kunst und Gespräch verschmelzen. Hier laden wir Künstler ein, geben ihnen eine Carte Blanche und gestalten kreative Abendessen und Events, um eine intensive Vermittlung zu schaffen, die neue Menschen für Kunst begeistern kann. In Wiesen ist dieses Verständnis noch entschleunigter. Dort haben wir den Kunstverein gegründet, bespielen Leerstände, entwickeln Skulpturen im öffentlichen Raum und arbeiten oft über Wochen hinweg mit Künstlern an neuen Produktionen. Räume stehen für uns immer in Beziehung zur Kunst – nie getrennt voneinander.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihre Sammlung sichtbar oder zugänglich ist?
Sichtbarkeit entsteht für uns durch Begegnung und Austausch. Wir zeigen die Sammlung nicht im klassischen Sinne, sondern kooperieren mit Museen, organisieren Ausstellungen und stellen Werke immer wieder in neue Kontexte. Diese Sichtbarkeit ist uns wichtig – sie eröffnet neue Perspektiven auf die Kunst und auf Themen, die uns bewegen. Und natürlich ist es auch schön für die Künstler*innen zu wissen, dass ihre Werke nicht in einem Depot verschwinden, sondern für Menschen weiterhin erlebbar bleiben.
Wenn Sie zurückblicken: Gibt es Entscheidungen, die Sie heute anders treffen würden? Und gibt es eine Haltung oder innere Logik, die sich rückblickend durch Ihre Sammlung zieht?
Eine Sammlung entsteht immer auch aus Lebenssituationen heraus. Wenn wir heute auf die frühen Jahre zurückblicken, erkennen wir darin sehr klar die jeweiligen Phasen unseres Lebens wieder.
Diese Entwicklung sehen wir aber nicht als Bruch, sondern als Teil der Geschichte der Sammlung.
Auch beim Salon oder bei unseren nicht sammlungsbezogenen Kunstprojekten lassen sich ähnliche Verschiebungen beobachten. In den frühen Jahren hatte der Salon etwas sehr Studentisches – sowohl in der Programmatik als auch im Kontext. Heute ist vieles entschleunigter und stärker an unsere aktuelle Lebenssituation angepasst.
Gibt es Werke, die für Sie eine besondere emotionale Bedeutung haben? Und was haben Sie im Laufe der Zeit über sich selbst durchs Sammeln gelernt?
Viele Werke begleiten uns biografisch und sind mit Orten, Menschen oder Phasen unseres Lebens verbunden. Besonders gemeinsame Produktionen wie Tränen von Michael Sailstorfer sind in gewisser Weise Teil unserer Geschichte geworden. Aber auch viele persönliche Momente: unsere Hochzeit mit Beiträgen von Yves Scherer, Christian Jankowski und Grace Weaver, Taufen oder Geburtstage, die künstlerisch begleitet wurden. Alicja Kwade hat Johannas Verlobungsring gestaltet.
Wir haben durch das Sammeln gelernt, dass Kunst Erinnerungen nicht nur abbildet, sondern sie formt.
Wie definieren Sie Erfolg in Bezug auf Ihre Sammlung? Welche Rolle spielen Marktmechanismen?
Erfolg definieren wir nicht über Wertsteigerung, sondern über die Entwicklung einer künstlerischen Position und die Möglichkeit, diese über lange Zeit begleiten zu können.
Marktmechanismen gehören natürlich zum System, sind aber nicht der Maßstab unserer Entscheidungen.
Was erwarten Sie heute von professioneller Galeriearbeit? Und wo sehen Sie Defizite im aktuellen Kunstsystem?
Galerien bewegen sich immer in einem Spannungsfeld zwischen Markt und künstlerischer Entwicklung. Für uns ist entscheidend, dass der Markt nicht zum alleinigen Fokus wird.
Wir erwarten eine langfristige Begleitung der Künstler und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Werk.
Gleichzeitig sehen wir manchmal ein strukturelles Problem darin, dass Werke häufig nur im Kontext einzelner Ausstellungen oder Messeauftritte verfügbar sind. Für Sammler, die sich für eine künstlerische Position als Ganzes interessieren, wäre ein offenerer Zugang zur gesamten Praxis hilfreich – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Arbeiten selbst.
Vielleicht müsste sich das System stärker in Richtung eines globaleren Pools von Arbeiten entwickeln, der stärker vom Künstler selbst gesteuert wird, während Galerien verstärkt als vermittelnde Plattformen agieren.
Was haben Sie als Nächstes geplant – gibt es kommende Projekte, Ausstellungen oder Entwicklungen Ihrer Sammlung, auf die Sie sich besonders freuen?
Aktuell zeigen wir im Salon Kennedy „Who’s afraid of conceptual art?“ von Christian Jankowski. Parallel ist im Kunstverein Wiesen noch bis zum 3. Oktober „In Depends“ von Mike Bouchet zu sehen – eine Ausstellung, die sich über drei Gebäude im Dorf erstreckt: die ehemalige Bank, das Schloss und eine Scheune.
Wie stellen Sie sich die Zukunft Ihrer Sammlung vor – wie soll sie in zehn oder zwanzig Jahren aussehen?
Wir sind große Verfechter von Heiner Friedrichs Idee: ein Künstler, ein Raum. In dieser Idee sehen wir auch die Zukunft unserer Sammlung. Wir möchten die künstlerischen Positionen, die wir so in die Tiefe begleiten, solitär zeigen und sie dadurch konzentriert erlebbar machen. Uns geht es darum, Räume zu schaffen, in denen das Werk eines Künstlers ganz für sich sprechen kann.
Ein wenig träumen wir davon, einige der Positionen, die wir über Jahre begleiten, einmal gebündelt sehen zu können. Sei es in einem institutionellen Rahmen oder durch eigene Initiativen.
Welche drei Ratschläge würden Sie jungen Sammler*innen geben, die gerade beginnen?
So viel Kunst wie möglich sehen.
Sich intensiv mit dem Werk auseinandersetzen, das einen berührt – lesen, recherchieren, verstehen.
Und dann den Mut haben, wirklich zu kaufen. Es ist keine Frage des Budgets, sondern der Prioritäten.
Aktuelle Ausstellungen
Salon KennedyKennedyallee 100, Frankfurt am MainChristian Jankowski `Who's afraid of conceptual art?' ↗bis 30.10.2026
Kunstverein Wiesen e.V.Hauptstraße 42, WiesenMike Bouchet: In Depends ↗bis 03.10.2026
Aufmacherbild: Johanna und Friedrich Gräfling an ihrem Tisch „Kante“ aus Gräfling Editions, im Hintergrund Gregor Hildebrandt © Kozy studio