
Essays · 1. Juli 2026
New Energies – Was am Ende trägt
Ein Rückblick auf die E.ON Foundation Art Talks & Walks der ART Düsseldorf.
Read in EnglishKunstmessen sind Orte der Begegnung. Sie bringen Galerien, Künstler*innen, Sammler*innen und Institutionen zusammen. Gleichzeitig sind sie Orte, an denen sich die Fragen unserer Zeit verdichten. Mit den E.ON Foundation Art Talks & Walks wurde die ART Düsseldorf für drei Tage zu einer Plattform für Austausch, Perspektiven und gesellschaftlichen Dialog.
Unter dem Titel New Energies widmete sich das Programm den Themen, die Kunst und Gesellschaft gleichermaßen bewegen: der gesellschaftlichen Verantwortung von Kunst und Kultur, Europa als gemeinsamem kulturellen Erfahrungsraum sowie den Herausforderungen von Transformation und Nachhaltigkeit im Kunstsystem.
Die drei folgenden Beiträge greifen diese Gespräche auf – nicht als Protokolle, sondern als Annäherungen. Sie führen sie zentrale Gedanken der Diskussionen weiter und machen sichtbar, welche Impulse von den Gesprächen ausgingen.
Ermöglicht wurde das Programm durch die E.ON Foundation. Talks und thematisch kuratierte Art Walks verbanden gesellschaftliche Fragestellungen unmittelbar mit den auf der Messe präsentierten künstlerischen Positionen und machten den Dialog direkt vor den Werken erfahrbar.
Denn eine Kunstmesse ist mehr als ein Marktplatz. Sie ist ein Ort, an dem Ideen entstehen, Positionen aufeinandertreffen und neue Perspektiven eröffnet werden. Die E.ON Foundation Art Talks & Walks verstehen sich als Beitrag zu diesem Dialog, auch über die Messetage hinaus.
Am Sonntag zog die Art Düsseldorf Bilanz — nicht über Verkäufe, sondern über Kilowattstunden, Kisten und die Frage, was eine Messe eigentlich wiegt.
Der Saal füllt sich zögerlich. Es ist der letzte Talk des Wochenendes, und dass die Reihen nicht voll sind, ist selbst ein Befund: Die Leute sind draußen, in den Gängen, bei der Kunst. Walter Gehlen, Direktor der Art Düsseldorf, sitzt auf dem Podium und gibt dem Nachmittag früh sein Motto. „Energie", sagt er, habe sehr viele Dimensionen. Nach zwei Tagen, an denen das Wort für geistige und für politische Kraft stand, meint es heute das Wörtliche: Strom, Wärme, Emissionen, Transportkilometer. Die Messe wird an ihrem letzten Tag als das verhandelt, was sie auch ist — ein physischer Körper.
Gehlen benennt den Widerspruch, aus dem der ganze Nachmittag lebt, ohne Umschweife: An der Wand hänge Ware, streng genommen sei das hier ein Marktplatz. Und doch werde das dem Gegenstand nicht gerecht, weil es um inhaltliche Arbeit gehe — kuratierte Themen von „Panic Attack" bis „Ojigi", dem japanischen Begriff für Respekt und Verbeugung, „hochvirulent", wie er sagt, wenn man über den Atlantik schaue, wo solche Werte gerade weggetwittert würden. Ware und Diskurs, Körper und Geist: Die Messe ist beides gleichzeitig, und die Bilanz besteht darin, das nicht aufzulösen.

Am erhellendsten wird es, wo es am konkretesten wird. Gehlen erzählt von den Halogenlampen der früheren Ausgaben, die für ihren Wirkungsgrad berüchtigt sind — im Grunde Heizungen, die nebenbei Licht machen. Man stellte auf LED um, sparte enorm Strom, und stellte fest: Die Wärme, die die alten Lampen abgegeben hatten, musste nun mit Gas nachgeliefert werden. Was auf der einen Seite gespart wurde, fiel auf der anderen wieder an. Es ist die perfekte kleine Parabel auf die ganze Nachhaltigkeitsdebatte — dass ein Hebel selten allein steht.
Jacob Bilabel, der die zentrale Green-Culture-Anlaufstelle des Bundes leitet, betrachtet genau solche Hebel professionell. Ihn interessiere nicht, was an den Wänden hänge — das sei Privatsache, sagt er trocken —, sondern das „Betriebssystem": Transport, Lagerung, Licht, Catering. Und er liefert den Satz, der hängenbleibt. Die berüchtigten klimatischen „Korridore", in denen Kunstwerke transportiert werden müssen — die schmalen Toleranzen für Temperatur und Feuchte, die jeden Transport verteuern —, seien oft gar keine physikalische Notwendigkeit. Sie stammten von den Versicherungen. Und auf die Nachfrage, ob man sie wirklich brauche, komme erstaunlich oft: nicht bei allen Werken. Ein ganzer Kostenblock der Branche ruht, so die Pointe, auf einer Vorgabe, der nie jemand widersprochen hat.
Thomas G. Schneider, Geschäftsführer von Hasenkamp und einer der großen Kunstlogistiker Mitteleuropas, kann das ausbuchstabieren. Er berichtet von einer Kiste mit dreißig Jahren auf dem Buckel, die „mehr in den Globus gewandert" sei als jeder im Saal. Gute Kisten würden nicht verkauft, sondern vermietet — bei einem Stückpreis um die 10.000 Euro rechnet sich das über Jahrzehnte, und was dreißig Jahre reist, ist am Ende nachhaltiger als jede Neuanschaffung. Seine liebste Absurdität: Museen bestellen leere Kisten oft vorab, einen Tag vor dem eigentlichen Transport — ein klimatisierter Lkw fährt leere Kisten durch ein klimatisiertes Dock in ein klimatisiertes Haus, wo sie 24 Stunden warten. Nötig sei das nie; ein kleiner Bluetooth-Tracker beweise, dass die Werte längst stimmen. Man tut es trotzdem, weil man es immer so getan hat.

Bei einer Frage aber trennen sich die Wege offen auf dem Podium. Schneider, der bei Hasenkamp seit über zwanzig Jahren CO₂-freie Lager mit Geothermie betreibt — aus wirtschaftlicher Überzeugung, nicht auf Anweisung —, warnt kompromisslos: „Ich warne davor, irgendwas vom Gesetzgeber her zu reglementieren. Das ist Wahnsinn." Der Mensch habe gesunden Menschenverstand; Innovation entstehe aus Freiheit, nicht aus Vorschrift. Bilabel widerspricht ebenso deutlich, und er tut es, ohne den Konflikt zu glätten: „Der Staat muss regulieren, er muss Rahmenbedingungen schaffen. Ich würde nie auf dem Podium sitzen und sagen, regulieren dürfen wir gar nicht mehr." Zwischen dem Unternehmer, der die Freiheit verteidigt, und dem Bundesbeauftragten, der Rahmenbedingungen einfordert, bleibt eine echte Differenz stehen — und es ehrt den Talk, dass niemand sie in einen Kompromiss zwingt.

Stephan Muschick von der E.ON Foundation — nicht E.ON, wie er präzisiert, sondern die Foundation, ein kleiner, aber entscheidender Unterschied — sitzt zwischen den Positionen und findet das Interessante genau dort: Der Kunstbetrieb sei ein Mikrokosmos, in dem sich die großen Fragen der Energiewende wie unter einem Brennglas studieren ließen. Kein Business Case, keine Transformation, lautet der nüchterne Kern seines Optimismus.
Und die Technik? Gehlen bleibt gelassen. Der Kunstbetrieb sei ein „People's Business" — Beziehungen, Seilschaften, langjähriges Vertrauen. KI entlaste, ein Chatbot beantworte inzwischen 150 Besucherfragen am Tag nach Öffnungszeiten und veganem Catering und schaffe so Zeit für die eigentliche Arbeit, die persönliche. Einen KI-Künstler aber sehe er nicht: Künstler sei, wer den Agenten losschickt, nicht der Sub-Agent. Aus einem Hasenkamp-Workshop stammt das Wort, das den Nachmittag am besten zusammenfasst — „Power of the Real". So gut virtuelle Rundgänge würden, die Menschen wollten trotzdem nach Paris fahren, den Boden knarren hören, danebenstehen.
Wie sehr das stimmt, zeigt am Ende eine Anekdote. Zwei Tage vor Ostern meldete der Spediteur der Messe Totalausfall — fünfzehn Sattelzüge mit Wänden mussten von Köln nach Düsseldorf, und keine Logistikfirma zwischen Hamburg und der Schweiz hatte einen Truck frei. Bis Gehlen bei Thomas anrief. Der hatte die Kapazitäten auch nicht, fand aber über seine persönlichen Beziehungen einen Spediteur, der die Fracht priorisierte. „Deshalb sitzen wir hier." Die ganze Bilanz in einem Satz: Am Ende trägt nicht das System. Am Ende trägt der Anruf.