
Kunst · 13. Juni 2025
Interview mit AICA Preisträgerin 2024 Sophia Roxane Rohwetter
Read in EnglishWir freuen uns sehr, dass auch Sophia Roxane Rohwetter, die Preisträgerin des AICA-Preises 2024 im Rahmen der Art Düsseldorf 2025 mit uns gesprochen hat – über den Zustand der Kunstkritik, Ausstellungen, die sie zuletzt beeindruckt haben, künstlerische Positionen, die mehr Aufmerksamkeit verdienen, und darüber, wie sich Kunst heute denken und beschreiben lässt.
Wie geht es der Kunstkritik heute?
Die langweiligste und doch treffendste Antwort auf diese Frage lautet wohl: sehr schlecht. Die Krise der Kunstkritik wird seit langem und von allen Seiten konstatiert – vor allem von Kritiker*innen selbst, aber auch von Künstler*innen, Kurator*innen, den Medien, Galerien und Institutionen. Die Kunstkritik sei nicht kritisch (gefordert wird ein Revival des Verrisses), nicht unabhängig (weil zu tief eingelassen in ökonomische Abhängigkeitsverhältnisse), nicht selbstreflexiv genug, zu selbstreflexiv. Ich denke, die Krise der Kunstkritik ist zunehmend auch – oder vor allem – politisch bedingt und steht im Zusammenhang mit dem allgemeinen Rechtsruck und einer zunehmend repressiven Kulturpolitik. Symptomatisch für den rechts-konservativen bis neofaschistischen Trend in der Kunstwelt ist Dean Kissicks viel diskutierter Harper’s-Magazine-Artikel „The Painted Protest“. Unter dem Deckmantel einer durchaus notwendigen Kritik an der den Kunstdiskurs beherrschenden liberalen Identitätspolitik kommt er darin zu dem Schluss, dass die zeitgenössische Kunst nur durch eine sich von jeglichem politischen Bewusstsein befreiende, träumerische Irrationalität zu retten sei. Wenn wochenlang über diesen Text diskutiert wird, als sei er interessant oder wichtig, während die Entlassung des ehemaligen Artforum-Chefredakteurs David Velasco wegen der Veröffentlichung eines offenen Briefs gegen die genozidale Gewalt an der Zivilbevölkerung in Gaza kaum bis wenig Beachtung findet, setze ich wenig Hoffnung in die Zukunft einer kritischen Kunstkritik.*
Eine gute Ausstellung, die du in letzter Zeit gesehen hast?
Ich habe vor kurzem zwei sehr gute und sehr unterschiedliche Ausstellungen gesehen, die eine Art „andere“ Geschichte der Moderne vorschlagen: „Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulpur“ im mumok in Wien und „Mary Sully. Native Modern“ im Metropolitan Museum of Art in New York City. Die Retrospektive des Künstlers Medardo Rosso (ein Gegenspieler Rodins) fokussierte die formalen Prinzipien seiner Skulpturen, Fotografien und Zeichnungen – Wiederholung, Reproduktion, Prozesshaftigkeit, Formauflösung, Intermedialität –, von denen ausgehend sie eine Geschichte der Skulptur von der Moderne bis in die Gegenwart entwarf. Dabei war die Retrospektive zugleich als Gruppenausstellung angelegt, mit Arbeiten von Honoré Daumier bis Paul Thek, Alina Szapocznikow und Rosemarie Trockel, präsentiert in einem dramatischen Display des Künstlers Florian Pumhösl.
Im Zentrum der Ausstellung „Mary Sully. Native Modern“, der ersten Einzelpräsentation der autodidaktischen Künstlerin Mary Sully, die etwas versteckt im American Wing des MET stattfand, standen 25 ihrer sogenannten Personality Prints – vertikale, abstrakt-ornamentale Buntstift-Triptychen. Diese Zeichnungen sind Porträts berühmter Persönlichkeiten aus Kunst, Politik, Religion und der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie der 1920er bis 1940er Jahre, darunter Gertrude Stein, Fred Astaire und Babe Ruth. Gleichzeitig sind sie ambivalente Selbstporträts, mit denen die Künstlerin ihre eigene Zugehörigkeit zu indigenen künstlerischen Traditionen, dem amerikanischen Siedlerkolonialismus und der europäischen Moderne formal reflektiert.
Auf welche Kunststandorte sollte man mehr hinschauen? (Welche Teile der Welt?)
Keine Ahnung, Antwerpen ca. 1620?
Ein Künstler oder eine Künstlerin, die mehr Aufmerksamkeit verdient?
Da könnte man vermutlich viele Künstler*innen nennen. Die Malerin Katharina Schilling hätte eine institutionelle Einzelausstellung verdient. Ich habe ihre malerische Praxis in einem Text für eine Ausstellung im Berliner Off-Space GROTTO kürzlich als eine Art künstlerische Historiographie beschrieben. In manchen Bildern bezieht sie sich auf das Spiel zwischen mikroskopischem Realismus, augentäuschendem Illusionismus und perspektivischer Wahrheit in der niederländischen Stilllebenmalerei, in anderen auf Miniaturen des Mittelalters, wobei sie anachrone Bilder der digitalen Gegenwart entwirft. Gemeinsam mit Benjamin Buchegger hat sie vor kurzem das Buch „Sand Is Water You Can Walk On“ gemacht, mit Texten von Sophia Eisenhut, Eva Hegge und Miriam Stoney – vermutlich eines der schönsten Künstlerinnenbücher der letzten Jahre.

Eine kontroverse Meinung zu Kunst
„Die ganze Kultur befindet sich in einer Krise, von der ökonomischen Basis bis zu den höchsten ideologischen Schichten. Die Kunst kann weder der Krise entkommen noch sich von ihr lossagen. Sie kann sich nicht selbst retten. Sie wird zwangsläufig verfallen – wie die griechische Kunst unter den Ruinen der Sklavenhalterkultur verfiel –, falls die gegenwärtige Gesellschaft sich nicht zu verändern vermag. Dieses Problem hat einen unbedingt revolutionären Charakter. Aus diesem Grund wird die Funktion der Kunst in unserer Epoche durch ihr Verhältnis zur Revolution bestimmt.“ (Leo Trotzki)
Welche Ausstellung oder künstlerische Position hat dich wirklich herausgefordert oder irritiert?
Der Zusammenhang zwischen dem Wasserfall in Étant donnés und jenem im Vorspann von Twin Peaks.
Gibt es eine Kritik, die du geschrieben hast und die du heute bereust – oder eine, die besonders viel ausgelöst hat?
Vor ein paar Jahren habe ich einen Leserinnenbrief von einer Künstlerin erhalten, die verwundert und verletzt über meine Rezension ihrer Ausstellung war und Widerspruch gegen diese eingelegt hat. Das war herausfordernd, aber auch wichtig für eine kritische Reflektion meiner im Text vertretenen Position und allgemein meiner Rolle als Kunstkritikerin. Ich habe die Einwände gegen meinen Text sehr ernstgenommen und mir viel Zeit genommen, um auf die im Brief formulierte Kritik einzugehen und zugleich meinen Standpunkt zu erklären. Gemeinsam mit meinem Lektor habe ich einen Antwortbrief formuliert, in dem wir auch ein gemeinsames Treffen vorgeschlagen haben. Wir haben uns daraufhin zu dritt in einem Kaffeehaus getroffen, einen Kaiserschmarrn geteilt, und seitdem nicht wieder miteinander gesprochen.
Besonders gefreut habe ich mich, als Sean Tatol meinen Text für eine Ausstellung bei der New Yorker Galerie Francis Irv auf seinem Blog Manhattan Art Review mehr oder weniger löblich erwähnte: „A rare compliment from me: the press release is a fun piece of writing, even if it is overbearingly European. I find it a bit vacant and pretentious, but Europeans might consider vagueness more profound than I do?”
Eine Ausstellung, die dich besonders geprägt hat und warum?
Wie für wahrscheinlich viele theorieinteressierte Kunst- und Kulturarbeiter*innen hatten die Ausstellungsprojekte, die Anselm Franke zwischen 2013 bis 2022 im Haus der Kulturen der Welt gemeinsam mit Diedrich Diederichsen, Tom Holert, Kerstin Stakemeier und anderen kuratiert hat, einen großen und nachhaltigen Einfluss auf meinen Zugang zur Geschichte und Theorie der Kunst sowie mein Verständnis für Kunstgeschichte als Geschichte kolonialer und epistemischer Gewalt. Ich denke an Ausstellungs- und Publikationsprojekte wie Neolithische Kindheit. Kunst in einer falschen Gegenwart oder Liebe und Ethnologie: Die koloniale Dialektik der Empfindlichkeit (nach Hubert Fichte), die eine kritische historische, von Deutschland und Europa ausgehende und zugleich internationalistische Perspektive auf die Krisen der Moderne und die Bedeutung des Kolonialismus für die künstlerischen Avantgarden eingenommen haben, und dabei eine Art künstlerische Forschung betrieben, kurz bevor „artistic research“ zu einer gleichermaßen politisch und kunsthistorisch entleerten akademischen Disziplin gemacht wurde.
Wenn ich die Wahl habe für eine Ausstellungsrezension für Texte zur Kunst, an der ich mehrere Tage, manchmal Wochen schreibe, 150€ oder eine Edition im Wert von bis zu 490€ zu erhalten, dann nehme ich lieber die Kunst.
Sammelst du Kunst?
Nein, aber manchmal tausche ich Arbeitskraft gegen Kunst. Wenn ich die Wahl habe für eine Ausstellungsrezension für Texte zur Kunst, an der ich mehrere Tage, manchmal Wochen schreibe, 150€ oder eine Edition von Soil Thornton, Christopher Williams oder Jutta Koether im Wert von bis zu 490€ zu erhalten, dann nehme ich lieber die Kunst. Manchmal schreibe ich für kein oder sehr wenig Geld Ausstellungstexte für befreundete Künstler*innen, die mir als eine Art Gegengabe eine Arbeit schenken. Und so hat sich, ohne zu sammeln, über die letzten Jahre eine kleine Kunstsammlung angesammelt – mit Arbeiten von großartigen Künstlerinnen und Freundinnen wie Sitara Abuzar Ghaznawi, Sophie Gogl, Sveta Mordovskaya, Katharina Schilling, Marina Sula und Valentina Triet.
Hast du eine Arbeit, die dir besonders wichtig ist?
Der Künstler Min Yoon hat mir zum Geburtstag eine graue Filzmaus geschenkt, ein leftover einer größeren Installation. Er lernt gerade Deutsch und ich habe ihm zum Geburtstag einen Band mit Kafkas Tiererzählungen geschenkt. Die Maus habe ich Josefine genannt.
*Anmerkung der Redaktion:
Im Oktober 2023 wurde Artforum-Chefredakteur David Velasco im Zusammenhang mit der Veröffentlichung eines offenen Briefs entlassen, der sich gegen die Gewalt an der Zivilbevölkerung in Gaza richtete. Der Brief, der von mehreren tausend Kulturschaffenden unterzeichnet wurde, rief zu einem Waffenstillstand auf, erwähnte jedoch nicht die Angriffe der Hamas auf israelische Zivilist*innen am 7. Oktober. Dies führte zu deutlicher öffentlicher Kritik und einer breiten Debatte über redaktionelle Verantwortung, politische Haltung und den Umgang mit Sprache im Kunstfeld.
Auch die im Interview aufgegriffene Bezeichnung der Gewalt als „genozidal“ war und ist Teil eines umstrittenen und politisch sensiblen Diskurses. Inzwischen hat sich die internationale Debatte weiterentwickelt – etwa durch die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs, dass ein Völkermord nicht ausgeschlossen werden könne. Der Begriff bleibt historisch wie politisch umkämpft – und seine Verwendung erfordert besondere Sensibilität, auch im Hinblick auf die Gefahr antisemitischer Lesarten.